Wie alles begann

Der Anfang vom Ende

>>Ich will nicht 30 werden<< sage ich zu meinem Vater. Er rollt mit den Augen.

>>Das ist noch fast ein ganzes Jahr hin und glaub mir so schlimm ist das nicht<<

>>Ja aber<< sage ich >>ich merke ja jetzt schon, wie mein Körper langsam Manches nicht mehr wegsteckt, wie früher<< Mein Vater weiß, dass ich auf die Saufgelage anspiele, die zu meiner Sturm- und Drangzeit überhand genommen hatten.

>>Jan<< sagt er und ich weiß, dass er mein Gejammer über lichter werdendes Haar und Sodbrennen so langsam nicht mehr hören kann >>es gibt nur eine Alternative und die ist doch auch scheiße<<

>>Hmm<< murmele ich und nippe an meinem Bier. Ich denke darüber nach, dass mein Vater es leicht hat, da er den Kampf gegen die Geheimratsecken bereits vor Jahrzehnten aufgegeben hat.

>>Im Übrigen arbeitest du ganz gut an der Alternative<< fährt er fort und schaut auf meine Hand, in der eine Marlboro qualmt. Eine von mittlerweile viel zu vielen am Tag.

>>Hmm<< murmele ich erneut und wir beide sehen das Gespräch aus irgendeinem Grund als beendet an.

Später an diesem Tag möchte ich mir zuhause einen Film angucken. Da mir keiner einfällt, den ich unbedingt sehen möchte, tue ich das was ich immer tue, wenn ich mir einen Film angucken will, mir aber keiner einfällt, den ich unbedingt sehen möchte. Ich studiere die Wikipedia-Filmografien von Regisseuren und Schauspielern, die ich mag. Ich lande bei Adam Sandler und stelle fest, dass ich den Film „The Do-Over“ noch nicht kenne. >>Klingt gut<< denke ich, als ich die kurze Zusammenfassung lese, in der beschrieben wird, dass es um zwei Typen geht, die ihren Tod vortäuschen. >>War jetzt nicht so gut<< denke ich 30 Minuten später, als ich den Stream stoppe, weil der Film einfach unsagbar scheiße ist. Früher mochte ich Adam Sandler, aber irgendwie hat der Mann an Witz verloren. Statt einen zweiten Versuch mit einem anderen Film zu starten spiele ich meine Playlist vom Handy ab und öffne mir ein Bier. >>Verdammt<< sage ich zu mir selbst >>das ist gerade so diese typische „ich muss über mein Leben nachdenken“-Simmung<< Also beginne ich über mein Leben nachzudenken.

>>Ich bin vor Kurzem 29 geworden und komme nicht darauf klar, dass ich bald / in einem Jahr 30 werde<< verfalle ich in Selbstmitleid. Ich betrachte einen Zettel, der an meiner Wand hängt. Der Zettel ist eine Liste, die den Namen „Dinge die ich bis 30 erledigt haben möchte“ trägt. Von 15 Punkten sind zwei abgehakt.

>>Die Liste ist eh mittlerweile hinfällig<< beruhige ich mich >>ich hab mittlerweile krassere Sachen erlebt und gesehen<< Ich zünde mir eine Marlboro an. Die Liste habe ich vor Jahren zusammen mit einem Kumpel erstellt. Manche Punkte sind identisch, aber die meisten sind verschieden. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, wie weit er ist. >>Das sollte ich ihn mal fragen<< beschließe ich und hänge die Liste ab. >>So ein Stück Papier kann doch nicht der Grund dafür sein, dass ich mir zwanghaft meine Jugend bewahren will?<< Ich schmeiße die Liste weg.

>>Ich bin vor Kurzem 29 geworden<< wiederhole ich mich >>und ich trage Spongebob-Unterwäsche und Pokémon-Shirts<< Ich öffne mir ein weiteres Bier.

>>Wahrscheinlich bin ich einfach nur zu faul zum Shoppen<< versuche ich meinen Kleidungsstil vor mir selbst zu rechtfertigen. >>Mein Vater sagt es gäbe nur eine Alternative zu den 30 Jahren, aber habe ich nicht gerade durch Adam Sandler gelernt, dass man sterben und mit einer neuen Identität weiter leben kann?<< frage ich mich und bin für einen ganz kurzen Moment versucht, den Stream neu zu laden. Ich lasse es sein. >>Wenn Adam Sandler das kann, dann kann ich das auch, aber ich brauche eine Identität, die jünger ist, als ich es bin. 25 war ein geiles Alter, damit hätte ich vier weitere Jahre, in denen ich nicht 30 bin<< rede ich mir Mut zu, während ich das nächste Bier öffne. >>Das ist die Idee<< jubel ich und beginne meine Recherchen…

An dieser Stelle sei angemerkt, dass diese „ich muss über mein Leben nachdenken“-Stimmung gepaart mit ein paar Bier mehr, die ich im Text verschwiegen habe, mittlerweile natürlich vorbei ist. Trotzdem hat mich das Thema gefesselt und deshalb habe ich mich mit ein paar Leuten kurzgeschlossen, um dieses Projekt ins Leben zu rufen. Somit heiße ich euch recht herzlich willkommen bei meinem Selbstversuch, bei dem ich natürlich rechtzeitig die Reißleine ziehen werde. Mein Ziel ist es, meine Sterbeurkunde in den Händen zu halten und eventuell eine neue Identität, was ich dann daraus mache… Nunja das werden wir sehen;)