Neugeboren

Neugeboren

Ich stehe vor einer Leichenhalle. Sie ist öffentlich zugänglich. Phil*, der Unterarzt**, meinte hier würde ich fündig. Ich betrete das Gebäude und schaue auf den Wegweiser. Ab dem ersten Stock sind „Kapellen“ ausgeschildert. Ich frage mich, was es damit auf sich hat und beschließe der Sache auf den Grund zu gehen.

Die Philippinen sind ein Land, in dem unglaublich viel verboten ist. Man darf nur in gekennzeichneten Bereichen rauchen und Alkohol ist auf der Straße ohnehin nicht gestattet. Selbst oben ohne rumzulaufen birgt das Risiko, mit der Polizei in Konflikt zu geraten. Erschreckend, dass es gerade hier relativ einfach möglich ist, alles für einen vorgetäuschten Tod zu erwerben. >>“Erwerben“ ist das richtige Wort<< denke ich. Ich gehe spazieren, denn ich muss verarbeiten, was ich gerade gesehen und gehört habe. Wo Armut Alltag ist, ist Kriminalität nicht weit. Wenn man lange genug sucht, findet man sogar jemanden, der einem eine Leiche verkauft. 20.000 Peso hätte ich dafür bezahlen müssen. Das sind ca. 400 €. Die Leichenhalle war anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Die kleinen Kapellen sind Räume, in denen die toten Körper zur Schau gestellt werden, damit sich Angehörige und Freunde verabschieden können. So wie man es aus amerikanischen Spielfilmen kennt. Zwei dieser Räume habe ich betreten. Ein beschissenes Gefühl. Beim Anblick einer toten, alten Dame musste ich zwangsläufig an meine Oma denken. Mein Magen zog sich zusammen. >>Wenn du möchtest<< sagte Phil zu mir >>können wir auch eine anonyme Leiche kaufen<< Er spielte darauf an, dass der Ort an dem ich kaufe darüber entscheidet, wer das Geld bekommt. Manche Familien verkaufen ihre Toten, um sich ernähren zu können. Es soll sogar Leute geben, habe ich mir sagen lassen, die Suizid begehen. Selbstmord für Organhandel. Kauft man eine anonyme Leiche in einer Leichenhalle, so fließt das Geld in dessen Erhalt. Was für mich erschreckend ist, ist hier zwar nicht normal, aber existent.

Es fängt an zu regnen. Ich laufe durch meine Straße. Phil ist wütend auf mich, weil ich seine Zeit verschwendet habe. >>Jansey! Wie geht es dir?<< rufen mir ein paar Kinder zu. >>Gut<< lüge ich und gehe weiter. Den Spitznamen „Jansey“ haben mir die Kids hier am ersten Tag gegeben. >>Du brauchst auch einen Mittelnamen<< hieß es, als ich meinen neuen Pass gekauft habe***. Neben der Hommage an einen Westernhelden, nannte ich mich also „Jansey“. >>Du bist weiter gegangen, als du es ursprünglich wolltest<< erkläre ich mir selbst >>alles Weitere wäre übertrieben gewesen<< und das wäre es. Doch es ist mir bewusst, dass ich kein Recht dazu habe über die Filipinos zu urteilen. So banal es klingt, aber Geldknappheit veranlasst Menschen zu so Manchem. >>Und trotzdem<< rede ich auf mich ein >>ist dieses Ghetto hier so wahnsinnig friedlich<< Der Regen wird stärker. Ich suche Unterschlupf unter einem Dach. In der linken Hand halte ich meine Sterbeurkunde und in der rechten Hand halte ich ein Feuerzeug. Es kommt, wie es kommen muss. Ich bin froh, wieder ich zu sein.

– Fortsetzung folgt –

*Name geändert

**siehe Blogeintrag Wie kauft man eine Leiche? Teil 2

***siehe Blogeintrag Recto Avenue Teil 3

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